Fragt man Achtklässler, was ihnen zum Mittelalter einfällt, fallen schnell dieselben Stichworte: Ritter und Burgen, rauschende Feste und prunkvolle Gewänder, aber auch Elend, Seuchen und Folter, und daraus erwachsende Heldengeschichten aus einer düsteren Zeit.
Doch wie viel Wahrheit steckt eigentlich in diesem Bild, wo beginnt der Mythos, und was bleibt dabei ungezählt? Genau diesen Fragen ging die Klasse 08GB bei einer Stadtführung durch Marburg nach. Begleitet wurde sie von ihrer Geschichtslehrerin Selin Giousouf und deren Kollegen Leon Jäger. Marburg wurde an diesem Tag für die Lerngruppe zum außerschulischen Lernort, und zwar mit einer ganz besonderen Führerin: Die Lollarer Geschichtskollegin Britt Grunwaldt arbeitet in Marburg auch als Stadtführerin und öffnete der Klasse den Blick für Details, an denen viele sonst achtlos vorbeigehen.
Los ging es an der Elisabethkirche, einer der ältesten rein gotischen Kirchen Deutschlands, errichtet über dem Grab der heiligen Elisabeth von Thüringen. Nur vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie 1235 heiliggesprochen, außergewöhnlich schnell und das für eine Frau in einer von Männern bestimmten Zeit.
Die Schülerinnen und Schüler erfuhren, was es im Mittelalter brauchte, um heilig zu werden, und was Elisabeths Leben so besonders machte: Als Königstochter und Landgräfin hätte sie in Reichtum leben können, doch sie ließ Stand und Privilegien hinter sich, gründete in Marburg ein Hospital und pflegte dort selbst Arme und Kranke. Vor allem die Mädchen der Klasse beschäftigte, dass Elisabeth schon als Kind verlobt und mit 14 Jahren verheiratet wurde, ohne sich dagegen wehren zu können. Umso beeindruckender fanden sie, dass sie sich als junge Frau durchsetzte, weil sie ein klares Ziel vor Augen hatte: ein Leben ganz in den Dienst ihres Glaubens zu stellen. In einer starren, von Männern dominierten Ständegesellschaft aus den Erwartungen auszubrechen, erforderte enormen Mut. Das brachte die Klasse zum Nachdenken: Wie viel Mut es braucht, sich gegen die Erwartungen des eigenen Umfelds zu entscheiden, kennen Jugendliche durchaus. Im 13. Jahrhundert wog eine solche Entscheidung allerdings weit schwerer.
Elisabeths Geschichte begleitete die Klasse auch auf dem steilen Weg hinauf zum Landgrafenschloss, denn dort oben schloss sich ein Kreis: Ihr Enkel Heinrich wurde erster Landgraf von Hessen und machte Marburg zu seiner Residenz.
Am Schloss selbst stand vor allem die Reformation im Mittelpunkt, die in Marburg besonders früh Wurzeln schlug, und damit die Frage, was Protestanten und Katholiken eigentlich voneinander unterscheidet. Spätestens hier zeigte sich, wie selbstverständlich Geschichte mit anderen Fächern verknüpft ist: Neben Religion spielten auch Kunst und Architektur eine Rolle, etwa beim Blick auf den Aufbau der Schlossanlage und die Frage, wie ihre Bewohner mit Wasser versorgt wurden.
Zurück in der Altstadt führte der Weg ins ehemalige jüdische Viertel am oberen Marktplatz. Durch eine gläserne Abdeckung konnten die Schülerinnen und Schüler hinab auf die Überreste der mittelalterlichen Synagoge blicken, die erst in den 1990er Jahren zufällig bei Bauarbeiten entdeckt wurden. Für viele war es eine neue Erfahrung, dass jüdisches Leben in Deutschland eine so lange Geschichte besitzt. In Marburg lässt sich aber leicht zeigen, jüdische Familien waren schon im Mittelalter mitten in der Stadt ansässig. Menschen unterschiedlichen Glaubens lebten und arbeiteten über Jahrhunderte Tür an Tür.
Viele der damals genutzten Häuser stehen bis heute, und sie verraten mehr über ihre Entstehungszeit, als man auf den ersten Blick vermutet. Genau darauf lenkte Britt Grunwaldt die Aufmerksamkeit der Klasse und ließ die jungen Schülerinnen und Schüler zu echten Fachwerk-Detektiven werden. Denn wer genau hinsieht, kann das Alter eines Hauses an seiner Fassade ablesen: Je schiefer und unregelmäßiger die Fenster sitzen, desto älter ist das Haus meist. Jüngere Fachwerkhäuser setzen dagegen deutlich stärker auf Symmetrie. Plötzlich wurde jede Gasse zum Rätsel und jedes Haus zur Quelle, bis hin zum historischen Rathaus, wo die Stadtführung endete.
Und die düstere Zeit voller Ritter und Kämpfe? „Davon war heute fast nichts dabei“, stellte ein Schüler fest. „Trotzdem war es richtig spannend. Ich achte jetzt bei jedem Fachwerkhaus darauf, wie die Fenster sitzen. Vorher wäre ich einfach daran vorbeigelaufen, ich wusste ja gar nicht, dass die teilweise noch aus dem Mittelalter stammen.“ Eine Mitschülerin nahm vor allem die Geschichte von Elisabeth mit: „Sie hätte im Reichtum ihres Mannes leben können. Stattdessen hat sie all das aufgegeben, hat Kranke gepflegt und dabei riskiert, sich selbst anzustecken. Aus dem Unterricht wissen wir ja, wie der Adel damals gelebt hat, und das passte überhaupt nicht zur Lebensweise des Standes, dem sie selbst angehörte.“
Vieles von dem, was die Klasse an diesem Tag über das Mittelalter zu wissen glaubte, wurde ergänzt, korrigiert und um neue Fragen erweitert. Ein herzliches Dankeschön gab es von Lehrerin und Klasse am Ende für Britt Grunwaldt – es war eine besondere Führung!



