Emeritierter Germanistik Professor Günter Oesterle referiert in Lollar vor Zwölftklässlern zu Clemens Brentano und zur Romantik
Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 rieben sich die Augen, als sie in der Aula der Clemens-Brentano-Europaschule den 85-jährigen Professor für Germanistik Günter Oesterle im wahrsten Sinne des Wortes erleben durften. In der Vorstellungswelt der Oberstufenschüler dürften bei der Begriffskombination Professor und Germanistik und verbunden mit dem stattlichen Alter des Gastredners andere Bilder im Kopf rumgeschwirrt haben, als das, was sie in der guten Stunde an Vortrag erleben durften. Wobei allein der Begriff Vortrag nicht das wiedergibt, was eher theatrales Kammerspiel, szenische Darstellung oder der Sound der Literatur mit Professor Oesterle in der Hauptrolle zu nennen ist.
Der ausgewiesene Experte der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf den Epochen der Romantik und des Vormärzes begeisterte sein Publikum mit Inhalt und Auftritt nachhaltig. Lehrkräfte wie jugendliche Zuhörer hingen an seinen Lippen. Der Germanist hatte sich zum Ziel gesetzt, die revolutionäre Kraft der Romantik – ca. 1795 bis 1835 – für den Klang von Sprache und die Erweiterung von literarischen Themen den Schülerinnen und Schülern in allen Facetten näher zu bringen. Dabei war seine Hauptthese romantische Lyrik ist Rhythmus. Über den Rhythmus des Alltags, dem Klang von Gebrauchsgegenständen, wie auch den Tänzen der einfachen Menschen fanden die Brentanos und von Arnims vor mehr als 200 Jahren zu neuen Formen von Literatur. Dazu rezitierte Oesterle Gedichte, in dem ein Kehrbesen oder eine Säge auch im Sound der Sprache zum Einsatz kam. Lautmalerisch – mit viel Gestik, Mimik, Raumpräsenz und ständig vor den 80 Schülerinnen und Schülern in Bewegung, mal abrupt abstoppend und bedeutungsschwanger schweigend, mal herumtänzelnd – fesselte Oesterle als deutlicher Überzeugungstäter und Anwalt der guten Literatur sein Publikum in überzeugender Weise. Dabei bezog er die Deutschkurse immer wieder im Zwiegespräch oder mit der Aufforderung zur Rezitation von romantischen Gedichten
Den emanzipatorischen und egalitären Charakter romantischer Schreibkunst zu Beginn des 19. Jahrhunderts verdeutlichte Oesterle nicht nur daran, dass die Romantiker wie die Brüder Grimm als berühmteste Beispiele Volkslieder und lokale Geschichten sammelten. Sondern auch daran, dass sie dem Volk, der Magd, dem Handwerker beim täglichen Tun und Schaffen zuschauten und aus diesem unerschöpflichen Fundus an Alltagserfahrungen ihre Werke formten. Der Blick auf neue Motive aber ebenso die fehlende Scheu vor dem lokalen Dialekt der Dichter dieser Epoche wurde von Oesterle an literarischen Beispielen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum illustriert.
Kern seiner Ausführungen war die Beschäftigung mit der Rheinromantik. Hier wurden Heine und Brentano miteinander verglichen, aber ebenso die antifranzösische Stoßrichtung unter napoleonischer Herrschaft thematisiert. Sehr schön wurde mit den Schülern und Schülerinnen herausgearbeitet, wie Clemens Brentano als poetischer Reiseführer Weltliteratur schuf, dabei niemals dem nationalen Chauvinismus verfiel und Heinrich Heine zu seinem noch viel berühmteren Loreleylied inspirierte.
Oesterle schlosss seinen Vortrag mit der Feststellung, das Neue an der Romantik sei der Ton, der gefunden wurde, um Trauer und Schmerz, die sich tief in unserer Seele eingegraben haben, hervorzuholen. Dies unterstrich er mit einem Hörbeispiel aus Schuberts Vertonung der Winterreise.
Trotz dieser emotionalen Fahrt in die tiefen Abgründe des menschlichen Seins quittierten die 70 Minuten konzentriert zuhörenden Schüler und Schülerinnen Oesterles inhaltsgeladene Germanistikshow mit langanhaltendem Beifall. Auch wenn manch Inhalte vielleicht nachgearbeitet, manch Begriff nachgeschlagen werden muss; für einige wurde an diesem Nachmittag eine andere, intellektuellere Fährte zur Beschäftigung mit Literatur und Kultur im Allgemeinen gelegt.
Eingebettet war dieser rasante Exkurs in die Literaturwissenschaft in das Fachcurriculum Deutsch der Jahrgangsstufe 12. Als vom hessischen Kultusministerium zertifizierte Profilschule Kulturelle Bildung in der Sparte Literatur verfolgt die Clemens-Brentano-Europaschule die Förderung von literarischem Lernen auf allen Ebenen. Die schulische Koordinatorin Wiebke Meuser, die gemeinsam mit dem Schulleiter den Besuch Günter Oesterles organisiert hatte, zeigte sich demnach auch hochzufrieden. „Oft ermöglichen wir Schülern eigene kreative Zugänge zur Schreibkunst zu finden. Heute haben wir uns auf einem hohen Niveau mit Literatur und vor allem mit der Person Clemens Brentano beschäftigt. Beides hat seinen Platz, beides hat seine Bedeutung.“ betonte die mittlerweile auch im Kultusministerium angesiedelte Fachfrau für die Vermittlung von Literatur.
Dieser Nachmittag mit Herrn Oesterle entsprang dem Wunsch des Schulleiters Keller, der Clemens Brentano als Namenspatron der Schule mehr in den Fokus der Schulgemeinschaft rücken möchte.
Lyrik ist Rhythmus
Emeritierter Germanistikprofessor Günter Oesterle referiert in Lollar vor Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 über Clemens Brentano und die Romantik
Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 rieben sich vermutlich zunächst die Augen, als sie den 85-jährigen Germanistikprofessor Günter Oesterle in der Aula der Clemens-Brentano-Europaschule erlebten. Mit einem klassischen „Vortrag“ hatte das, was sich in den folgenden 70 Minuten abspielte, jedenfalls wenig zu tun. Oesterle bot vielmehr ein literarisches Kammerspiel: mit Rezitationen, Gestik und Mimik, mit abrupten Pausen, Bewegung im Raum und einer außergewöhnlichen Präsenz.
Der ausgewiesene Experte für die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts mit Schwerpunkten für die Epochen der Romantik und des Vormärz hatte sich vorgenommen, den Schülerinnen und Schülern die revolutionäre Kraft der Romantik näherzubringen. Im Mittelpunkt stand dabei seine These: „Romantische Lyrik ist Rhythmus.“
Oesterle zeigte, wie die Romantiker neue Formen literarischer Gestaltung entwickelten, indem sie den Rhythmus und Klang des Alltags aufgriffen. Der Klang von Gebrauchsgegenständen, die Bewegungen und Tänze einfacher Menschen oder die Sprache des täglichen Lebens fanden Eingang in die Literatur. An Gedichten von Clemens Brentano und Achim von Arnim demonstrierte Oesterle, wie beispielsweise der Klang eines Kehrbesens oder einer Säge sprachlich gestaltet werden kann.
Dabei blieb es nicht bei der Analyse von Texten. Oesterle rezitierte, spielte, gestikulierte und bewegte sich durch den Raum. Mal hielt er abrupt inne und ließ ein bedeutungsschweres Schweigen entstehen, mal nahm er die Schülerinnen und Schüler mit in den Rhythmus der Gedichte. Immer wieder bezog er die Deutschkurse in ein Zwiegespräch ein oder forderte zur gemeinsamen Rezitation romantischer Gedichte auf.
Alltag wird Literatur
Den emanzipatorischen und egalitären Charakter romantischer Schreibkunst verdeutlichte Oesterle unter anderem am Interesse der Romantiker an der Alltags- und Volkskultur. Die Brüder Grimm sammelten Volkslieder und Geschichten; die Romantiker griffen ebenfalls auf überlieferte Stoffe zurück. Sie beobachteten das Leben der Menschen – von der Magd bis zum Handwerker – und machten Erfahrungen des Alltags zum Ausgangspunkt literarischer Werke.
Auch die Vielfalt regionaler Sprachformen spielte dabei eine Rolle. Oesterle zeigte anhand literarischer Beispiele aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wie selbstverständlich die Romantiker Dialekte und regionale Ausdrucksformen in ihre Literatur aufnahmen.
Ein Schwerpunkt des Vortrags war die Rheinromantik. Oesterle stellte Clemens Brentano und Heinrich Heine gegenüber und thematisierte zugleich die politische Dimension der Romantik unter napoleonischer Herrschaft. Dabei wurde deutlich, wie Brentano mit seinen literarischen Darstellungen des Rheins zu einer Art poetischem Reiseführer wurde und wie seine Texte auch über nationale Grenzen hinauswirkten. Zugleich machte Oesterle deutlich, dass Brentano trotz der politischen Spannungen seiner Zeit nicht in einen nationalen Chauvinismus verfiel. Auch Heines berühmtes Loreleylied wurde in diesem Zusammenhang thematisiert.
Der Ton der Romantik
Zum Abschluss führte Oesterle die Schülerinnen und Schüler noch einmal zu seiner zentralen These zurück. Das Neue an der Romantik, so seine Deutung, liege auch in einem neuen Ton, mit dem sich Trauer und Schmerz, die tief in der menschlichen Seele verankert sind, literarisch ausdrücken lassen.
Unterstrichen wurde diese Aussage durch ein Hörbeispiel aus Franz Schuberts Liederzyklus Die Winterreise. Nach diesem emotionalen Ausflug in die Tiefen menschlicher Erfahrungen quittierten die rund 80 Schülerinnen und Schüler die ungewöhnliche Germanistikstunde mit lang anhaltendem Beifall.
Manches wird dabei sicher noch einmal nachgearbeitet, mancher Begriff nachgeschlagen werden müssen. Doch genau darin könnte die nachhaltigste Wirkung dieses Nachmittags liegen: Für einige Schülerinnen und Schüler eröffnete sich ein neuer, intellektueller Zugang zu Literatur und Kultur – jenseits des gewohnten Unterrichts.
Literatur als Teil des Schulprofils
Eingebettet war der Exkurs in die Literaturwissenschaft in das Fachcurriculum Deutsch der Jahrgangsstufe 12. Als vom Hessischen Kultusministerium zertifizierte Profilschule Kulturelle Bildung im Bereich Literatur verfolgt die Clemens-Brentano-Europaschule das Ziel, literarisches Lernen auf unterschiedlichen Ebenen zu fördern.
Die schulische Koordinatorin Wiebke Meuser, die gemeinsam mit dem Schulleiter den Besuch Günter Oesterles organisiert hatte, zeigte sich entsprechend zufrieden:
„Oft ermöglichen wir Schülerinnen und Schülern eigene kreative Zugänge zur Schreibkunst. Heute haben wir uns auf einem hohen Niveau mit Literatur und vor allem mit der Person Clemens Brentano beschäftigt. Beides hat seinen Platz, beides hat seine Bedeutung.“
Der Nachmittag mit Günter Oesterle geht auf den Wunsch des Schulleiters Keller zurück, Clemens Brentano als Namenspatron der Schule stärker in den Mittelpunkt der Schulgemeinschaft zu rücken. Dass dies auf ungewöhnliche Weise gelingen kann, zeigte dieser Nachmittag eindrucksvoll: Literatur wurde nicht nur besprochen, sondern hörbar, sichtbar und körperlich erfahrbar.







